Wie das Leben schmeckt

Von stillen Meistern und schweigsamen Schülern und vom Nichtswollen, aber das mit ganzem Herzen: Gespräch mit Niklaus Brantschen SJ, ehemaligem Direktor des Bildungshauses, und Tobias Karcher SJ, Direktor Lassalle-Haus.

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Dies sind zwei der zentralsten ­Lebensfragen. Ich möchte ­Sie zu Beginn dieses Gesprächs bitten, dazu Ihre Kerngedanken zu äussern.

Niklaus Brantschen SJ (NB): Ich komme aus dem Wallis, aus den Bergen. Sie haben mich nachhaltig geprägt; sie sind stille Meister und schaffen schweigsame Schüler. Oft war ich unterwegs in grosser und weniger grosser Höhe, habe Stille gesucht und genossen. Später lernte ich in Japan die Kultur der Stille kennen und konnte nochmals später mit dem Lassalle-Haus einen kraftvollen Ort der Stille mitgestalten. – Wohin ich gehe? Mehr und mehr dem Himmel entgegen. Aber noch bin ich da. Noch gestalte ich mit. Unser Lassalle-Haus ist eine Einrichtung gegen die grosse Resignation. Dagegen lebe ich an.

Tobias Karcher SJ (TK): Mich hat eine Flusslandschaft geprägt: das Rheintal. Der Fluss hielt mich in Bewegung, immer wieder schöpfte ich neue Kraft, wenn ich seinen Ufern entlangging. Auch Spiritualität erfahre ich als Fliessen. Wo es nicht fliesst, kommt es zum Stillstand. Das Fliessen ist ein Bild des Lebens, das nicht zum Stillstand kommen will. Der Fluss fliesst dorthin, wo sich der Horizont öffnet. Wir sehen jeweils nur bis zum Horizont. Doch der Fluss fliesst weiter. Mit dem Lassalle-Haus wollen wir Horizont erweitern, über das Alltägliche hinausschauen lernen. Da spielen geistige Stärke und Klarheit, Visionskraft und Vertrauen eine zentrale Rolle. Dies möchte ich vermitteln.

Pater Brantschen, was verstehen Sie unter Spiri­tualität?

NB: Mit dem Wort Stille habe ich zu Beginn bereits einen wichtigen Aspekt der Spiritualität genannt. Ein anderer Aspekt ist der Atem. Achtsames Atmen kann zu einem spirituellen Vorgang werden – das liegt bereits im Begriff: Spiritus bedeutet Luft, Lebensodem, Atem. Atem geschieht immer im Jetzt. Ich kann nicht vorausatmen, für morgen atmen. Das bewusste Atmen hilft mir, präsent zu sein. Das sind ganz wichtige Elemente von Spiritualität: Stille, Atem, Präsenz. Eine Spiritualität, die so ansetzt, ist konfessions- und religionsübergreifend.

Spiritualität scheint heute wichtiger zu sein denn je.

TK: Ja, das zeigt sich auch darin, dass der Begriff heute viel positiver besetzt ist. Er ist nicht mehr an eine bestimmte Religion gebunden, er hat eine viel grössere Weite, er wird ganz allgemein mit dem Menschsein verbunden. Es geht um den Spirit! Von welchem Geist wollen wir uns prägen lassen, ist die Frage. Für Christen ist es der Spiritus Sanctus, der Heilige Geist. Spiritualität will den Mensch auf ein Leben in Fülle ausrichten. Und diesen Geist der Fülle können wir schon heute erfahren im Hier und Jetzt.

NB: Der Mensch ist, um es pointiert zu sagen, vielfach weder religiös noch areligiös – er ist ein Nervenbündel. Und mit diesem «Nervenbündel» haben wir es zu tun. Wir holen die Menschen dort ab, wo sie sind, und bieten unseren Gästen die Chance, anzukommen, zu verweilen, bei sich zu sein. All das geschieht nicht in einem Tag. Es braucht Zeit. Das ist der grosse Vorteil eines Zentrums mit Übernachtungsmöglichkeit und einer Umgebung, die zum Verweilen einlädt.

TK: Es geht darum, das Leben zu ordnen, wie unser Ordensgründer Ignatius von Loyola sagen würde. Eine der Grundlagen ist beispielsweise, genügend zu schlafen, die Ordnung des Körpers anzunehmen. Das Leben zu ordnen heisst auch, mich befreien zu lassen vom ständigen Leistungsdruck. Unabhängig davon, wie fromm oder nicht fromm die Menschen zu uns kommen, haben alle dieses Leistungsprinzip verinnerlicht. Doch nur, wenn wir erfahren, dass wir nicht ständig etwas leisten, etwas tun müssen, kann sich das Leben zeigen.

NB: Nichts wollen, aber das mit ganzem Herzen! Einfach atmen, einfach sein. Es zählt zu unserer Kernkompetenz, diese kraftvolle Einkehr zu ermöglichen. Sie führt über fünf Stufen: die Sehnsucht nach Stille, das Ertragen der Stille, der Genuss der Stille, die Stille loszulassen und schliesslich im Alltag und mitten in der Aktion gesammelt zu sein.

Unsere Welt rückt immer näher zusammen, Grenzen verschwimmen heute immer stärker. Wie wichtig ist für Ihr Tun, andere Religionen, Kulturen zu ­verstehen?

TK: Wichtig ist eine Sensibilität dafür, was Menschsein überhaupt bedeutet. Einerseits ist der Mensch autonom und frei, er soll das Leben selbst in die Hand nehmen; andererseits ist er ein Wesen, welches das Leben geschenkt bekommt. Der Mensch ist begrenzt und doch ist er fähig, sich auf das Absolute hin auszurichten. Man kann den Menschen nur in solchen Spannungsbögen verstehen. Ich bin Jesuit und lebe aus der Spiritualität des Evangeliums. Mich auszurichten heisst für mich als Christ, mich auf ein Gegenüber, auf ein Du hin auszurichten. Indem ich das offene Gespräch suche, indem ich Erfahrungen benenne, indem ich mich austausche mit Menschen, die einen anderen Weg gehen, verstehe ich auch meinen eigenen Weg besser.

Wie wichtig ist es für diesen Weg, eigene Wurzeln, Traditionen zu bewahren und sich ihrer bewusst zu sein?

TK: Im Dialog werde ich gewahr, woher ich komme; so kann ich meine eigenen Wurzeln und Traditionen besser verstehen. So habe ich in der Auseinandersetzung mit den Gründungsgeschichten anderer Religionen die Heilige Schrift von uns Christen besser verstehen und lieben gelernt: Die Visionen der Propheten, die Poesie der Psalmen und der kompro­misslose Einsatz Jesu für den Menschen. In der Auseinandersetzung mit ­un­serer individualisierten Kultur in Westeuropa ist mir die Gemeinschafts­dimension des christlichen Glaubens und die Bedeutung der gemein­samen Feier deutlich geworden.

NB: Auch Pater Hugo Enomiya-Lassalle SJ, nach dem unser Haus benannt ist, stellte fest, dass ­er mit dem Eintauchen in den Zen-Buddhismus nicht nur das Fremde besser kennenlernte, sondern auch das Eigene. Diese Erfahrung macht man auch mit anderen Sprachen: Durch das Erlernen einer Fremdsprache entdecke ich meine eigene Sprache neu. In der Begegnung mit anderen Religionen wird klar: Je tiefer ich mich mit dem anderen ­auseinandersetze, umso stärker sehe ich Gemeinsamkeiten, die sich differen­zieren. Ich kann nie genug danken, dass ich die Chance hatte, den Zen-Weg zu gehen. Ursprüng­lich verwurzelt bin ich in der christlichen Welt, nicht ich trage die Wurzeln, sondern sie tragen mich. Mein Weg zum Zen hat dazu geführt, dass ich mich doppelt verwurzelt habe, dass ich von doppelten Wurzeln gehalten werde.

Neben den eigenen und fremden Wurzeln spielt das Innen und Aussen im Lassalle-Haus eine grosse Rolle.

TK: Es geht um eine Haltung der Aufmerksamkeit, das ist immer eine Herausforderung. Um das Wahrnehmen von Innen und Aussen, von Oberfläche und Tiefe. Dazu braucht es Stille, und es braucht ein offenes Herz.

NB: Es gibt den Begriff der Zen-Krankheit; das bedeutet, an einer gewissen Einsicht hängen zu bleiben. Man muss vom Berg auch heruntersteigen können. Wir Jesuiten haben das in uns, wir sind keine Mönche, leben nicht hinter Mauern, tragen keine Kutten. Wir haben das Kloster in uns. Das zu leben ist anspruchsvoll, gilt es doch, auch mitten in der Arbeit gottverbunden zu bleiben.

Sich an Werten zu orientieren ist im Lassalle-Haus grossgeschrieben. Was bedeutet das konkret?

TK: Der wichtigste Wert ist für mich die Einzigartigkeit jedes Menschen, seine Würde, seine Begabungen. Dann weil wir Menschen Gemeinschaftswesen sind, werden Haltungen wichtig, die den Anderen wahrnehmen und die Gemeinschaft ermöglichen. So ist bei unseren Seminaren mit Unternehmen Achtsamkeit ein zentraler Wert. Ebenfalls sind Gerechtigkeit und Fairness wichtig, wenn das Miteinander gelingen soll. Nachhaltigkeit bedeutet, dass wir sorgsam mit unseren Ressourcen umgehen müssen, auch mit Blick auf die nachfolgenden Generationen. Schliesslich, in einer Zeit wo die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben immer mehr zu verschwimmen drohen, ist es unerlässlich, dass wir immer wieder unsere Rollen klären, im Unternehmen und in unserem Privatleben. Dies ist wesentlich, damit Kreativität und Leidenschaft nicht verloren gehen.

NB: Es geht um die wichtige Fähigkeit, auf den Geschmack zu kommen. Wie schmeckt Leben? Wie komme ich auf den Geschmack, der mir hilft, Wertvolles und weniger Wertvolles voneinander zu unterscheiden? In Zurückgezogenheit und Stille kann ich die Achtsamkeit und das Gespür für solche Unterscheidungen lernen. Das ergibt eine Kultur der Wahrhaftigkeit und des Masshaltens.

Kann jeder Mensch auf den Geschmack kommen?

NB: Mindestens an der Mutterbrust kommen alle auf diesen Geschmack. Doch genügt die Mutterbrust? Muss nicht zur Milch auch das Angesehenwerden des Kindes durch die Mutter dazukommen? Physisches Stillen genügt nicht, es braucht auch seelisches Stillen. Da stossen wir an gewisse Grenzen. Wer nicht oder wenig angesehen wurde – beim Stillen wie im Leben – dem oder der fehlt buchstäblich das Ansehen. Alle, die mit Erziehung und Erwachsenenbildung zu tun haben, stossen hier an die Grenzen ihrer Kunst. Elternbildung ist angesagt!

TK: Entbehrungen früh erfahren zu müssen, zeichnet Menschen. Wir erleben hier auch oft, dass Menschen den Geschmack verlieren, sich zum Beispiel nicht mehr richtig freuen können. Manche aber erinnern sich an einen Geschmack; diese Menschen können wir gut begleiten, indem sie erfahren, ihre Sinne wieder zu öffnen. Nicht das Viel sättigt die Seele, sondern die Qualität, das Verweilenkönnen, das Verkostenkönnen, bis sich neuer Appetit regt.

NB: Es gibt einen wunderbaren Weg, Geschmack im physischen und im übertragenen Sinn wieder zu finden: über das Fasten, das wir ja auch praktizieren. Nirgends komme ich so sehr wieder auf den Geschmack wie beim Fasten. Grundsätzlich braucht es ein Minimum an Auszeit. Das kann ein Spaziergang sein, ein Aufblicken, ein Dank. Dann bekommt das Leben plötzlich wieder Sinn. Solange ich danke, vergesse ich nicht, was mir geschenkt wurde und wie reich ich bin. Wenn ich nicht mehr danken kann, dann ist es Zeit für das Lassalle-Haus.


Gäste

Manche kommen für einige Tage, manche bleiben Jahre: Das Lassalle-Haus öffnet ­seine Türen für Kurs- wie Langzeitgäste. Sei es für eine Auszeit, in einer Krisensituation, für den Übergang in eine neue ­Lebens­- pha­se, als Insel, um aufzutanken. Was ­daraus entsteht: eine gelebte Hausgemeinschaft im wahrsten Wortsinn, in deren Zen- ­trum die Nächstenliebe steht. Die Kosten für Pension und Begleitung werden durch Mitarbeit in Haus und Garten ausge­­gli­chen: als Verantwortliche ­für die Blumen, bei ­der Zimmerreinigung, in der Haustechnik, beim Bügeln der ­Wäsche, Helfen in der Küche, am Empfang oder beim Buchverkauf

Gemeinschaft

Jesuiten, Mitarbeitende, Hausbewohner, Gäste bilden eine Gemeinschaft auf ­Zeit. Alle bereichern das Haus mit ihrem Wissen, ihren Fähigkeiten, ihrem Können, ihrer Per­sönlichkeit, ihrem Rucksack. So ergibt sich ein lebendiges Zusammen­leben, füreinander da sein, aber auch die Möglichkeit des Rückzugs und des Ge­tragenseins.