«Ich lese mit Zen-Augen die Bibel»

Er hat in den letzten zwanzig Jahre viele Wochen im Lassalle-Haus verbracht: Hans-Walter Hoppensack, reformierter Pfarrer in Schwanden, langjähriger Zen-Schüler und angehender Zen-Lehrer.

«Ich suchte nach einem spirituellen Übungsweg, konnte einen solchen in der reformierten Kirche aber nicht finden. Zen bietet diesen Übungsweg an. So wurde ich zum Schüler und machte mich auf den Weg, der verspricht: Wenn du nicht nachlässt, wirst du eine Erfahrung machen. Zu Beginn verwirrte mich, dass es um die Frage nach dem eigenen wahren Wesen geht. Dabei wollte ich ja eigentlich Gott erfahren. Der Schlüssel dazu ist aber eben die Erfahrung des eigenen wahren Wesens. Sie ist das Tor zu allem Weiteren.

Seit zwanzig Jahren bin ich regelmässiger Gast im Lassalle-Haus. Auf dem Zen-Weg müssen Schüler sich unter anderem mit Koans (paradoxen Sätzen, Fragen oder Geschichten) beschäftigen, beziehungsweise sie meditieren, mit ihnen sitzen. Die Auseinandersetzung mit ihnen hilft, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen. Beispiel eines Koans: ‹Fragt ein Mönch den Joshu: Hat ein Hund Buddha-Natur? – Joshu antwortet: Mu.› Mit einem solchen Koan, beziehungsweise mit dem Mu, sitzt der Schüler, bis die Lösung auftaucht, sich manifestiert.

Mir ist wichtig, dass Zen keine Dogmen kennt. Man muss nichts glauben, man muss keine Glaubensvoraussetzungen mitbringen. Deshalb ist es auch praktizierbar für Muslime, Hindus, Juden, Christen, Atheisten. Man muss sich ‹nur› hinsetzen und bereit sein, sich auf ein Experiment einzulassen. Zen ist für mich zu einem sehr wichtigen Teil meines Lebens geworden. Ich lese zum Beispiel mit Zen-Augen die Bibel, beziehungsweise ich interpretiere sie mit dem Hintergrund meiner Zen-Erfahrung. Es geht um die Erfahrung der Einheit mit allem, was ist, mit Gott und der Leere aller Dinge. Dazu Einsichten wie: Wir irren alle auf die gleiche Art und Weise, wir sitzen alle im gleichen Boot und gehören zusammen. Und: Überall geht es dem kleinen Ego an den Kragen.

Nun gehe ich seit über zwanzig Jahren im Lassalle-Haus ein und aus: als Gast, als Zen-Schüler und im nächsten Jahr als Zen-Lehrer. Viele Wochen habe ich hier verbracht und fühle mich zu Hause. Besonders wichtig ist für mich das Zendo, der Raum, in dem wir Zen praktizieren. Der Raum hat eine ganz besondere Atmosphäre; geschaffen dadurch, dass hier schon viele Menschen gesessen sind in Meditation. Das hinterlässt eine spezielle Schwingung, der Raum macht etwas mit mir. Ich spüre, dass ich dort schneller gesammelt bin als anderswo.»